Tim

Diabetes ist schon seit jeher Teil meines Lebens: Mein Vater hat seit knapp 40 Jahren Typ 1 und meine Eltern haben mir erzählt, dass ich ihm schon bevor ich sprechen konnte mit Fingerpieks-Gesten Bescheid gesagt habe, dass es Zeit zum Messen und Spritzen ist.

Meine eigene Diabetes-Geschichte begann irgendwann im August 2014. Ich war im Urlaub gewesen, und als ich wieder zurück war, fragte mich fast jeder, ob ich gewachsen sei oder abgenommen hätte (letztendlich waren es 10 kg weniger). Ich begann außerdem, mehr zu trinken (aber es war ja Sommer und relativ warm draußen) und auch mehr auf die Toilette zu müssen (klar, wenn man mehr trinkt...). Dazu kamen Wadenkrämpfe abends und nachts, trockene Haut und rissige Mundwinkel, ich war am Tag nach einem längeren Arbeitstag komplett müde und fertig – eigentlich die klassischen Symptome für Diabetes, aber ich hatte ja gerade angefangen, in einem neuen Job zu arbeiten und bin sowieso nie krank…

Am langen Wochenende über den Tag der Deutschen Einheit hatte ich frei und wollte ein ruhiges Wochenende bei meinen Eltern verbringen. Auf der einstündigen Bahnfahrt hatte ich eine 1-Liter-Wasserflasche ausgetrunken, zu Hause angekommen musste ich erst mal aufs Klo und dann wollte ich gleich wieder etwas trinken. Meiner Mutter als Krankenschwester war das etwas suspekt: "Wir messen jetzt mal deinen Blutzucker!". Ein Messgerät war ja ohnehin im Haus. 562 mg/dl. Also fiel das Abendessen aus, wir fuhren stattdessen ins Krankenhaus. In der Notaufnahme wurde dann noch einmal mein Blutzucker gemessen: 31,2 mmol/l. „Das ist die Eintrittskarte, dass Sie über Nacht bleiben dürfen“, war der Kommentar des Krankenpflegers.

Die folgenden 36 Stunden habe ich – wegen des Feiertags als einer von zwei Patienten – auf der Intensivstation im Bett verbracht und auch zum ersten (und hoffentlich einzigen) Mal 24 Stunden lang nichts gegessen. Das klingt im Nachhinein schlimmer, als es zu dem Zeitpunkt war: Dank des Insulins kam der (reichlich vorhandene) Zucker aus dem Blut ja nun endlich in die Zellen. Hunger hatte ich keinen, ich wollte nur endlich mal wieder etwas kauen. Das erste Käsebrot danach hat noch nie so intensiv geschmeckt!

Eigentlich war ich immer froh, weil ich dachte, mittlerweile sei das "kritische Alter" überschritten und das Los des Diabetes endgültig an mir vorübergegangen. Spritzen ist bis heute nichts für mich und auch wenn ich mich mehrmals täglich mit dem Pen piekse, kann ich das beim Blutabnehmen oder im Fernsehen überhaupt nicht sehen. Als es mich dann doch erwischt hat, war ich trotz allem Wissen ziemlich überwältigt: Verdammt, jetzt hat es dich doch noch erwischt!

Einerseits bin ich ganz glücklich, dass es mich mit 24 Jahren erst relativ spät eingeholt hat: in einem Alter, wo ich für mich selbst Verantwortung übernehmen kann, alleine lebe und ohne die zusätzlichen Schwierigkeiten als Kind oder in der Pubertät. Andererseits habe ich so auch ein Leben vor dem Diabetes und weiß, wie es ohne war.

Dass ich jetzt quasi schon in zweiter Generation Typ 1 habe, machte es mir bei meiner Diagnose leichter, weil ich wusste, was mich erwartet und dass man mit Diabetes 40 Jahre lang gut leben kann. Mein großes Vorbild in Sachen Diabetes habe ich also schon länger, als ich selbst im "Club" bin. Außerdem hilft es mir ein Stück weit bei der Akzeptanz: So habe ich wenigstens jemanden, der "verantwortlich" ist und bin nicht aus heiterem Himmel der einzige in der Familie. Außerdem ist meine Verwandtschaft ja Diabetes und den Umgang damit gewohnt, sodass alle sofort relativ natürlich damit umgegangen sind. Aber das macht mir gleichzeitig auch Angst: Was passiert, wenn es eine dritte Generation gibt...?

Generell gehe ich recht offen mit meinem Diabetes um und verstecke solche Dinge wie Messen oder Spritzen nicht. Aber trotzdem ist mir eine Sache wichtig: Ich lasse ihn nicht mein Leben bestimmen!



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