Michaela

Meine Diabetes-Geschichte fing vor über 10 Jahren an. An einem heißen Tag im August. Es war ein normaler Tag. Na ja, nicht ganz normal. Mein Sohn (14 Monate) war seit geraumer Zeit krank. Er war blass und hatte tiefe Ringe unter den Augen. Seit Tagen schlief er nicht gut und weinte viel, wollte ständig trinken. Dadurch kam ich kaum dazu die Umzugskisten auszupacken. Drei  Wochen zuvor waren wir endgültig in unser Haus eingezogen und es gab noch so viel zu tun. 

Mein Sohn hatte einen eitrigen Windelausschlag am Po, der einfach nicht verheilen wollte. Deshalb saß ich schon wieder beim Arzt im Sprechzimmer und hatte erzählt, dass mein Sohn sehr viel trinken würde. Ob das normal sei. Die Sprechstundenhilfe machte einen Test, für den etwas Blut gebraucht wurde. Das Gerät zeigte allerdings nichts an, sondern meckerte ständig. Sie schickte uns zurück ins Sprechzimmer, nachdem sie es mit anderen Geräten ebenfalls erfolglos probiert hatte. Minuten vergingen, bis endlich der Arzt kam. Er sah mich besorgt und abschätzend an. Da wusste ich, dass etwas ganz und gar nicht stimmte, und in meinem Magen und Hals bildete sich ein dicker Knoten. Dann sagte er einen Satz, den keine Mutter hören möchte: "Ihr Sohn hat Diabetes." 

Als er mir erklärte, dass er bereits in der Klinik angerufen hätte, ich sollte sofort meine Sachen packen und unverzüglich dort hinfahren, konnte ich nur noch weinen. 
Eine Stunde später stand ich unter Schock in der Notaufnahme. Ärzte Krankenschwestern, piepsende Geräte und mein schreiendes Kind. Ich war mit der Situation total überfordert. Die nächsten zwei Tage liegen in einem tiefen Nebel. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich viel weinte, nachts nicht schlafen konnte und ohne einen konkreten Gedanken an die Decke starrte. Der schlimmste Liebeskummer war nichts gegen das, was ich zu diesem Zeitpunkt fühlte.

Und dann bin ich wieder aufgestanden. Geistig und körperlich. Für unser Kind. Mein Mann und ich wurden geschult. Zusammen mit meinen Schwiegereltern. Geduldig wurden all unsere Fragen beantwortet. Wir lernten Mister Diabetes kennen. Den unkündbaren Mitbewohner unseres Sohnes. Beide machten zusammen ihre ersten Schritte im Park des Krankenhauses. Und dann, als wir nach drei Wochen entlassen wurden, ging es weiter. Schritt für Schritt. Mister Diabetes und mein Sohn lernten das Laufen und Sprechen, besuchten zusammen die Krabbelgruppe und später den Kindergarten. Gingen zum Mutter-Kind-Turnen. Bekamen noch eine kleine Schwester. Lernten zusammen schwimmen und kamen schließlich zur Schule. 

Inzwischen hat mein Sohn die Grundschulzeit erfolgreich überstanden. Er ist groß geworden. Es gab natürlich immer wieder Situationen, da dachte ich, an meine Grenzen zu kommen und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Dank der Unterstützung vieler Menschen, konnten wir für viele Probleme eine Lösung finden.  Für das Diabetes-Management braucht man Geduld und reichlich Ausdauer, und, das habe ich in den letzten Jahren gelernt, ein gewisses Maß an Gelassenheit. 

Meine Diabetes-Geschichte neigt sich nun langsam dem Ende zu, während die meines Sohnes beginnt. In Sachen Diabetes ist er auf dem besten Weg ein Profi zu werden. Bis es soweit ist, werde ich beide noch ein bisschen begleiten und im Auge behalten. Mein Sohn ist in jeder Form gewachsen, so wie ich auch. Mister Diabetes hat es uns nicht immer leicht gemacht. Warum es mein Kind getroffen hat, das frage ich mich schon lange nicht mehr, denn es gibt auf der Welt weit schlimmere Dinge, als Diabetes zu haben!



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